Wie Plan B die Action aus Hongkong & Hollywood nach Deutschland holt


Plan B - Scheiss auf Plan A
© 20th Century Fox
Plan B - Scheiss auf Plan A
moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
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Redakteurin bei planetgonline.com, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Nudel-Restaurants in Hongkong spielen.

Es ist die wichtigste Frage in der Geschichte der Menschheit: Warum produzieren die Deutschen keine vernünftige Action? Oder fast so wichtig. Jedenfalls müssen wir nicht über den Großen Teich schauen, um vor Neid über die Genrefilmkultur anderer Nationen zu ergrünen. Deutschland hat ein Genre-Problem, das wurde vielfach dokumentiert und diskutiert, auch hier bei moviepilot. Strukturelle Gegebenheiten sind ebenso dafür verantwortlich, dass Thriller, Horror und Action im deutschen Film unterrepräsentiert sind, wie filmische Traditionen. Wenn also ein hiesiger Genrefilm seinen Weg ins Kino findet, der keine Komödie ist, dann wird er sogleich wie ein exotisches Wesen untersucht: Wie konnte es dazu kommen? Wird er Nachwuchs zeugen? Und: Sind diese Tiermetaphern wirklich nötig? Plan B - Scheiss auf Plan A ist so ein Exot. Die Macher wagen sich nicht nur ins Actiongenre, sondern in den Martial-Arts-Film. Der ist hierzulande so verbreitet wie der Riesenpanda. Umso wichtiger ist die Frage, wie Plan B überhaupt zustande kam. Bei einem Interview mit den Regisseuren und Hauptdarstellern haben wir über die Schwierigkeit gesprochen, einen Actionfilm in Deutschland zu produzieren. Der Entwurf von übersichtlichen Kampfszenen kam dabei zur Sprache und wie Jackie Chan dich zu einer Filmkarriere motivieren kann. Denn Plan B zeichnet sich auch durch die Umsetzung der Action aus, die Vorbildern aus dem chinesischen Kino folgt.

Die Liebe zu Actionfilm und Popkultur ist in jeder Einstellung von Plan B erkennbar, nicht zuletzt weil die vier Kumpels Can (Can Aydin), Cha (Cha-Lee Yoon), U-Gin (Eugene Boateng) und Phong (Phong Giang) die Wappen ihrer Idole tragen: Die Farben von Die City Cobra, Der Mann mit der Todeskralle, Zurück in die Zukunft und Michael Jacksons legendärem Zombie-Musikvideo Thriller zieren ihre Kostümwahl. Die vier Berliner verdingen sich im Film eher schlecht als recht als Stuntmen, doch die Tagträume vom Leben als Kinoheld könnten aufregender nicht sein. Als sie durch eine Verwechslung in einen echten Gangster-Plot stolpern, werden ihre Kampfsport- und Tanzfähigkeiten endlich gefragt, während sich die Polizei (Gedeon Burkhard und Laurent Daniels) fragt, wie die vier mit Schurke Gabriel (Henry Meyer) zusammenhängen.

Das ist die Ausgangssituation von Plan B, der seine Helden wie in einem Videospiel durch mehrere Stationen in Berlin schickt. Die Actionszenen sind dabei bewusst gegen den Trend im amerikanischen Kino inszeniert, nämlich in langen Einstellungen, die den Darbietungen der Kämpfer entgegenkommen. Dazu gehört unter anderem die Kalifornierin Heidi Moneymaker, die in Filmen wie The First Avenger: Civil War und John Wick: Kapitel 2 als Stunt-Double von Scarlett Johansson und Ruby Rose arbeitete. Plan B ist nicht der erste Martial Arts-Film aus Deutschland. Erst im Februar feierte das Jugenddrama Tiger Girl bei der Berlinale Premiere, der sein physisches Spektakel der Kicks und Baseball-Schläger zwinkernd als "Martial Arthouse" verkauft. Doch im Vergleich dazu lässt sich Plan B voll aufs Actiongenre ein. Das ist sicher einer der Gründe, warum der Film unabhängig von gängigen Förderanstalten finanziert wurde.

Von der Idee zum Fight: Wie entsteht eine Actionszene?

"Wenn wir genau wissen, was wir wollen, warum machen wir es nicht selbst?", erklärt Ufuk Genç den Wendepunkt in der Entwicklung von Plan B. Die Idee zu einem Actionfilm fruchtete bei Genç und seinem Ko-Regisseur Michael Popescu, als sie über Umwege Can Aydin, Cha-Lee Yoon und Phong Giang kennenlernten, die sich professionell mit dem Actiondesign von Filmen beschäftigen. "Einerseits war ich von meinem Job als Colorist nach 10 Jahren gelangweilt", erklärt Genç, "also hatte ich auch Lust, etwas Neues zu machen. Die andere Voraussetzung war, dass wir uns alle kennengelernt haben und die Jungs hoch motiviert waren, Filme zu machen." Weder Genç noch Popescu hatten zuvor Erfahrung in der Spielfilmregie gesammelt. Doch als sich erste Ideen in Zusammenarbeit mit einem anderen Regisseur als Sackgasse erwiesen, lag die Übernahme der Regie nahe.

moviepilot: Was ist zuerst da: Die Story oder die Ideen für Action-Set-Pieces?

Michael: Eigentlich war es so, dass Can und ich uns zusammengesetzt haben und die Idee hatten, dass wir etwas Oldschooliges machen, wo wir vier Stationen für vier Charaktere involvieren. Letzten Endes haben sich die Set-Pieces daraus ergeben. [Es ging darum] jeden in seinen Fähigkeiten oder auch Unzulänglichkeiten zu featuren. Dann ist man mit dem Drehbuchautor [Rafael Alberto Garciolo] auf die Details eingegangen und dann kam natürlich die Actionchoreografie dazu. Durch die Story ergibt sich auch alles andere. Durch die Situation ergeben sich auch Gelegenheiten. Wenn man zum Beispiel jemanden wie Heidi Moneymaker mit ans Set kriegt, dann ist es klar, dass man auch eine Kampfszene bauen muss, die einer Heidi gerecht wird und dementsprechend passt sich die Story an. Dass man eine Heidi nicht verprügelt, ist klar.

Wenn die Idee steht: Wie sieht die Entwicklung der Actionszene aus?

Ufuk: Die erste Frage der Jungs war: Was für eine Art von Action schwebt dir überhaupt vor, welche Härte? Da gibt es ja keine Grenze. Ein Jackie Chan ist anders als The Raid. Wir haben uns geeinigt, wir wollen eine Actionkomödie, weil wir sowas auch sehr gern mögen und denken, dass es am massentauglichsten ist. Wir wollten keinen Nischenfilm machen, auch wenn es ein Genrefilm ist. Wir wollten einen Film machen, den man im Grunde genommen mit der Familie gucken könnte. Da war den Jungs klar, dass die Action an sich nicht zu hart sein darf. Wobei das Konzept gewesen ist, dass die Härte an sich von Station zu Station immer zunimmt und die Bedrohung auch immer zunimmt. Aber trotzdem sollte selbst da ein Maximum an Härte nicht überschritten werden. Das war Konsens.

Cha: Das war uns wichtig, dass das ein bisschen den Jackie Chan-Stil hat. Wir nehmen uns ein bisschen auf die Schippe. Wir sind Menschen, wir sind zerbrechlich, wir tun uns weh bei den Kämpfen. Unsere Kämpfe sind nicht so blutig angelegt. Schon energetisch und mit Power und Geschwindigkeit, aber nicht blutig.

Phong: Circa drei Wochen vorher haben wir mit den Stuntleuten trainiert. Größtenteils haben wir uns beim Dreh dann doch selbst gedoubelt, da die Stuntcrew im Martial-Arts-Bereich nicht genug Erfahrung mitgebracht hat.

Ist Deutschland ein Niemandsland, was die Erfahrung mit Action in den unterschiedlichen Departments angeht? Das sind ja riesen Probleme, wenn man einen Film umsetzen möchte.

Cha: In Deutschland erwartet man solche Action gar nicht. Natürlich sind die Stuntleute da in neuen Gewässern. Wir schmeißen sie ins kalte Wasser. Du musst ein Kampfsporttyp sein, um die Technik sauber zeigen zu können, um solche Long Takes zu machen. Wir können die ja nicht pro Beat schneiden - wieder ein Schnitt - wieder ein Schlag - wieder ein Schnitt. Das ist verwirrend. Das wäre wieder wie das moderne Actionkino. Wir zeigen gerne die ganze Bewegung, so dass jeder verfolgen kann, was wir gerade tun. Da müssen wir die Stuntleute natürlich auch briefen und mit ihnen trainieren. Manche hatten gar keine Kampfsporterfahrung. Wir mussten es ihnen erstmal von null auf zeigen, das ABC des Kampfsports. Wenn wir längere Einstellungen hatten, dann mussten wir schnell switchen. So viel Zeit hatten wir auch nicht für die Kämpfe, maximal einen Tag oder acht Stunden. Und das ist auch nicht so üblich. Normalerweise hat man ein bisschen länger Zeit. In Hollywood so zwei, drei Tage, in Hongkong noch mehr. Dadurch dass wir wissen, was wir haben wollen, konnten wir sehr spezifisch und schnell arbeiten.

Ufuk: Es wäre vermessen, wenn wir die Entscheidung treffen [ob Deutschland ein Niemandsland ist], denn wir können nicht alle kennen, selbst wenn es sie gibt. Was man festhalten kann, ist, dass jemand, der kämpfen kann und vielleicht sein Leben lang Kampfsport betrieben hat, das deswegen noch lange nicht ebenso gut vor der Kamera umsetzen kann. Man muss unterscheiden zwischen Selbstverteidigung und Kampfsport als Sport und zwischen Kämpfen fürs Fernsehen und für den Film. Das sind ganz andere Sachen. Und da sind die Jungs definitiv extrem gut. Es war klar, wenn wir die Regie führen, dass bei den Actionparts die Kollegen von Real Deal [die Firma für Actiondesign, Anm.d.Red.] das letzte Wort haben. Wir haben für diesen Film, für die gesamten Kämpfe, nicht die Schießereien, sechs oder sieben Tage investiert, um sie umzusetzen. Das wiederum ist nur möglich, wenn man eine sehr gute Vorbereitung hat. Sie hatten die Sachen alle schon prävisualisiert. Can hatte es im Kopf.

Phong: Das Gute bei uns war, dass Can die Actionregie gemacht hat und wir da Kontrolle hatten, auch mit den Kameraleuten. Wir hatten ein gutes Team und gute Performer vor der Kamera. So war es für uns einfacher, ein paar Schritte nach hinten zu gehen und weite Winkel zu nehmen, so dass man die Choreografie sieht.

Das Konzept eines weiteren Regisseurs, der nur die Action verantwortet, ist gerade im Hongkonger Martial Arts-Kino verbreitet. Wie sah der Übergang von Entwicklung der Choreografie bis zum Dreh bei euch konkret aus?

Can: Wir hatten die Flexibilität, in das Drehbuch hineinzuschauen und gemeinsame Entscheidungen zu treffen. Deswegen haben wir vor den Kampfszenen und auch in den Kampfszenen eine gewisse Dramaturgie eingebaut, so dass es passt. Man entwickelt die Action, man schaut, was mit einem passiert und aus dem Gefühl heraus entsteht das. Manchmal braucht das seine Zeit, manchmal nicht. Dementsprechend choreografieren wir. Im Grunde genommen drehen wir [den Kampf] vor, mit einer eigenen Kamera. Wir schneiden es selber vor und dann wissen wir, was wir haben. Am Set muss man das anpassen. Da muss man flexibel sein, aber oft übernimmt man die Einstellung fast eins zu eins.

Ufuk: Ein Storyboard gab es für den gesamten Film nicht. Wir hatten das Pech, dass unser Kameramann, den wir angefragt hatten, eine Woche vor Drehbeginn abgesprungen ist. Wir haben dann zum Glück noch einen Kameramann gefunden, Tomas Erhart, dem wir viel verdanken.

Ihr habt als Stuntleute internationale Erfahrung gesammelt, zum Beispiel bei Cloud Atlas, xXx: Die Rückkehr des Xander Cage, Hitman - Agent 47 und Die Tribute von Panem - Mockingjay. Wie hat das euren Ansatz zur Action-Inszenierung beeinflusst?

Cha: In China drehen sie ganz anders als in Deutschland oder Hollywood. Ich habe in China mit Donnie Yen gearbeitet, meinem Idol. Das war für mich eine große Ehre und es ist auch eine große Ehre zu sehen, wie er seine Filme dreht. Er plant nicht so viel wie in den Hollywood-Filmen oder deutschen Filmen. Er geht ans Set und lässt sich von den Sachen inspirieren. Für mich als Stuntman ist das schwierig. Ich muss ihm Dinge anbieten und mir vorab wehtun. Dann entscheidet er, ob ihm das gefällt oder nicht. [allgemeines Gelächter]

Das ist eine ganz andere Herangehensweise als in Hollywood. In Hollywood ist alles so safe, mit Versicherung. In Hongkong und China ist das anders. Ich finde es gut, wenn man etwas von beiden Welten hat. In Hollywood sind sie manchmal zu versteift in ihrer Art. Sie sind nicht so flexibel wie die Chinesen. Die sind nur flexibel, sie sind jeden Tag am Set nach dem Motto "Tja, was machen wir denn heute. Okay, vielleicht drehen wir von da oben, wie einer runterfällt." So muss man sich das vorstellen. Es ist gut, wenn man beides hat, die Professionalität von Hollywood und die Flexibilität aus Asien. Wenn man die kombinieren könnte, hier in Deutschland, in der Mitte, wäre das super.

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